Die wilden Kerle von Ptuj

von Brigitte Breth

Wer im Februar in die älteste Stadt Sloweniens reist, vertreibt gemeinsam mit dem Kurent den Winter und läutet den Frühling herbei.

Mächtige, zottelige Gestalten im Schafspelz mit riesigen Köpfen, langen roten Zungen und bunten Blumen zwischen den Hörnern ziehen täglich nach Einbruch der Dunkelheit durch die steilen Gassen der mittelalterlichen Stadt. Sie kommen aus den umliegenden Dörfern hierher und versammeln sich am Abend auf dem Rathausplatz. Um die Mitte hat jedes der dämonischen Wesen fünf schwere Kuhglocken geschnallt. Mit rhythmischen Hüftschwüngen läutet die Gruppe den wilden Tanz ein. Pelzige Arme schwingen Holzkeulen, die kräftig hüpfenden Beine stecken in knallroten Strümpfen. In diesen Tagen im Februar (02.-21.) werden wieder laut die bösen Wintergeister vertrieben, es ist Faschingszeit in Ptuj. Die Zeit der Kurenti.

Bemerkenswert schön liegt die Stadt am Flussufer der Drau, umrahmt von den Hügelketten Slovenske Gorice und Haloze. Mit einem Burghügel und schönem Schloss oben drauf. Die Geschichte von Ptuj wurde geprägt durch die verkehrsgünstige und strategisch wichtige Lage am Drauübergang, einem Knotenpunkt der alten Handelswege durch Europa.

Wasser und Wein


Die erste städtische Siedlung, Petovia genannt, hat sich aus dem Militärlager in der Provinz Pannonien entwickelt, das die Römer vor 2000 Jahren hier errichteten. Mit Stolz verweist Ptuj/Pettau auf das kulturelle Erbe aus dem Altertum und den Status, die älteste Stadt Sloweniens zu sein. Die erste schriftliche Erwähnung datiert aus dem Jahre 69 n. Chr., anlässlich der Kaiserwahl Vespasians in Petovia. Es fällt leicht, Relikte aus der Römerzeit zu finden. An erster Stelle steht das auffallend hohe Orpheus-Denkmal vor dem Stadtturm, das im Mittelalter als Pranger diente. Das archäologische Museum und fünf Mithräen-Kultstätten ergänzen das Spektrum.

Der Kaiser kam, sah und – badete. Schon die alten Römer pflegten hier  ihre Badekultur im heißen Thermalwasser. Rund um die Stadt legten sie großflächig Weingärten an.

Tapetenwechsel


In der Werkstätte des Meisters der Masken, Herrn Marko Klinc, herrscht im Jänner Hochbetrieb. Eigentlich ist er Möbeltapezierer, die Kunst der Maskenherstellung erlernte er von seinem Vater. Dieser war seit den 1950er-Jahren der erste Professionist für aufwändige Kurent-Kostüme. „Der Kurent ist  ein mystisches Geschöpf vom Land um Ptuj herum“, erzählt er, „die Masken machte man seinerzeit nur für sich selbst. Im Winter in den Ställen“.

Den Kern der Kopfmaske aus buntem Rindsleder fertigt er nach Maß, seine Frau Angelika malt das Gesicht auf. Weiße Bohnen werden zu Zähnen, Besenstroh wird Schnurrbart, etwas Fell kommt in die Nasenlöcher und die lange rote Zunge ist bald fixiert. Als klar unterscheidbaren Schmuck am Kopf tragen die Kurenti vom rechten Drauufer Kuhhörner, für die Masken  auf der anderen Seite des Flusses, klebt Branko Klinc riesige Ohren aus Gänsefedern an. Dazwischen drapiert er Schaffell, aus weiteren fünf Fellen näht er den Mantel.

Für die beste Ware, zottelig und langhaarig, fährt er nach Bosnien einkaufen.  Die gestimmten Kuhglocken bezieht er aus Tirol, die Wollstrümpfe  in rot und grün - mit Quasteln, strickt die Schwägerin. Der Holzkeule muss traditionellen Ansprüchen genügen: Sie wird mit einem stacheligen Ring aus Igelhaut bezogen, und dafür sammelt die Familie schon während des gesamten Jahres überfahrene Tiere.

Herr Klinc  liebt es, jeden Fasching selbst in die Maske des Kurent zu schlüpfen: „Hinter der Maske fühlt man sich mächtig und dämonisch, weil unerkannt .Den Winter vertreiben, tanzen und  trinken, austoben vor der Fastenzeit“. Bis zum Umfallen. Ein Kurent - Kostüm wiegt immerhin bis zu 30 Kilogramm.

Narrenfreiheit


Eingeläutet wird der Fasching zu Mitternacht nach Mariä Lichtmess, das fällt heuer auf den  2. Februar. Kurentovanje in 2012  steht allerdings unter ganz besonderen Sternen: Im Rahmen von „Kulturhauptstadt Maribor 2012“ wird der Karneval in Ptuj zusätzlich mit einem Art- und Ethno-Festival bereichert.

Als erster Höhepunkt ziehen alte, volkstümliche Gruppen aus der Region durch die Altstadt, laut knallend angekündigt von einem Maskierten mit langer Peitsche, dem Pokac. Kurenti und Konsorten steigern ihr ausgelassenes Feiern in den darauf folgenden Wochen täglich bis zum Höhepunkt: des Karnevals: Zur Riesen-Party-Stimmung am Faschingsamstag, überall und rund um die Uhr. Festlich geschmückt, bunt und international, komisch und kritisch, feiert eine prächtige Parade mit tausenden von Masken König Karneval.

Mit Vorfreude auf das all-nächtliche närrische Treiben spitzt man während der Dämmerung  schon neugierig die Ohren. Wann endlich beginnt der magische Tanz in der stimmungsvollen Stadt?  Unwiderstehlich sammeln Kurenti  um die Wette weiße Taschentücher von den Frauen ein. Zur Stärkung werden Krapfen und Glühwein angeboten. Ausgiebig gefeiert, mit wechselndem Programm, wird dann jede Nacht im Karnevalszelt.

Hinter den Kulissen


Allzu sehr sollte man sich von den Faschings - Truppen dennoch nicht ablenken lassen, denn auch die Kulisse ist ein Schauspiel: Am Fuß des Schlossberges führt die Hauptader von Ptuj, die Prežernova-Gasse, vom Dominikanerkloster in Richtung historischem Stadtzentrum zur St. Georg Kirche mit dem markanten Stadtturm, zum Alten Rathaus und zum Stadt-Theater. Das geschlossene Ensemble der ein- bis zweistöckigen Bürgerhäuser, im Mittelalter Marktplatz, stellt ein architektonisches Juwel dar - das Stadt-Hotel "Mitra" sticht mit der neobarocken Fassade in leuchtendem Rot vortrefflich heraus. Die Fassade verspricht nicht zu viel .Außergewöhnlich geschmackvoll ladet  das feine Innenleben unter ein  Dach ein. Design-Zimmer im Stil von Ptuj, der  Wellness Salon glänzt  im römischen Design, im Ergeschoß  ein Wiener Kaffeehaus,  der  Weinkeller. organisiert  Verkostungen  von Prädikatsweinen aus ganz Slowenien.

Zum Aufwärmen, baden und schwitzen im altrömischen Lifestyle bietet sich die Therme Ptuj am südlichen Drauufer an. Der Ausblick vom Grand Hotel Primus auf Ptuj, mit beleuchtetem Schloss ist jeden Abend sehr erfreulich.


TIPP DER REDAKTION
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