
"In einem Zweikampf wär ich brandgefährlich gewesen"
Eva Helfrich
"Schau da liegt a Leich im Rinnseu, s' Bluat rinn in Kaneu. Hearst des is makaba, da lieg ja a Kadava." Wenn Ihnen jetzt spontan Austropop-Kapazunder Wolfgang Ambros einfällt, haben Sie nur zur Hälfte Recht. Gesungen hat er den „Hofa“, der Text stammt aber von dem damals erst 19-jährigen Joesi Prokopetz. Der ist heute nicht nur Songwriter, Austropopper, Werbetexter, Kabarettist und Autor. Sondern ein feinhumoriger Mensch mit Tiefgang, dessen gewaltigen Sprachschatz man am 16. Dezember in seinem Weihnachtsprogramm Oh kommet doch all genießen darf.
inwien: Was erwartet den Zuschauer bei Oh kommet doch all?
Prokopetz: Sicher keine besinnliche Weihnachts- oder Feierstunde (lacht). Es gibt Geschichten über das Abseitige von Weihnachten. Es beginnt zum Beispiel mit dem Lied vom Qualtinger Angesoffen unterm Christbaum. Es gibt auch Geschichten von mir selbst, quasi ein satirischer Blick auf Weihnachten. Die Satire blinzelt ja in ihrer Übertreibung und Überhöhung auf den wahren Zustand der Dinge.
Es ist ja allseits bekannt, dass es an Weihnachten zu den größten familiären Eskalationen kommt.
Ja, eben. Kaum setzt man sich im familiären Kreis zusammen, beginnt man auch schon, sich mit irgendetwas auseinanderzusetzen.
Verraten Sie uns eine Weihnachtserinnerung?
Für mich als Kind war Weihnachten wunderbar. Meine Eltern haben das immer sehr feierlich und geheimnisvoll begangen. Vor etwa tausend Jahren kam ich also in unser Wohnzimmer, stand vor dem geschmückten Christbaum und um ihn herum fuhr eine Eisenbahn im Kreis. Daran kann ich mich noch gut erinnern, weil ich sofort einen Freudenaufschrei gemacht hab.
Was war denn als kleiner Bub Ihr Berufswunsch?
(lacht) Das wird jetzt ganz böse. Ich wollte Naturgeschichtsprofessor werden.
Wie kommt man denn in dem Alter auf so etwas?
Ich war bei den Pianisten und da gab es sehr viele geistliche Lehrer, auch Pfarrer. Und mein Naturgeschichtsprofessor war einer der wenigen Weltlichen. Kein Mann in einem schwarzen Kleid, sondern der war wunderbar frisiert, hatte schicke Anzüge an und trug Stecktücher. Ein richtiger Sir. Er hat den Unterricht auch spannend gestaltet und mir sehr imponiert. Ich wollte nie Lokomotivführer oder Forscher werden, sondern einfach wie der Oberstudienrat sein.
Wenn man sich Ihre Stücke zu Gemüte führt, fällt sofort auf: Der hat einen irrsinnigen Sprachschatz. Woher kommt das?
Talent. Und natürlich auch Bildung. Mein Vater war Berufsschullehrer für Deutsch. Das spielt sicher auf mit, genauso wie das aktive Interesse, den eigenen Sprachschatz zu nähren. Dinge präzise zu beschreiben, oder zu erklären. Wenn man sich nur schwachsinnige Serien im Fernsehen anschaut oder nur Volksmusik-Schlager hört, wo die Sprache nur ein Gerüst ist, um abgefrühstückte Melodien zu transportieren, dann wird man keinen Sprachschatz bekommen.
Ihre Karriere begann mit 19, als Sie für den gleichaltrigen Wolfgang Ambros den Kulthit Da Hofa schrieben. Besteht die Freundschaft noch?
Ja natürlich. Ich habe Wolfgang gerade eine E-Mail geschrieben, weil ich Ende April bei ihm in Waidring, wo er ein kleines Theater aufmacht, die Eröffnungsvorstellung spiele.
Gibt’s schon ein neues Programm?
Ich schreibe gerade an etwas, wo es konkret bis jetzt nur den Titel gibt: Die Schöpfung – Eine Beschwerde.
Wie lange brauchen Sie für ein Programm?
Ich hab schon vor einem halben Jahr angefangen, mir Notizen zu machen. Alles nur in Stichworten, von denen ich dreißig Prozent wieder vergesse. Da lese ich zum Beispiel 'Polizist beißt Hund', weiß aber nicht mehr, warum ich das aufgeschrieben habe.
Sie stehen ganz offen dazu, vor ein paar Jahren unter Depressionen gelitten zu haben. War der Druck, auf Kommando witzig und produktiv sein zu müssen, zu hoch?
Nein, das hatte damit überhaupt nichts zu tun. Das kam wie ein Gespenst und ging wie ein solches wieder. Damals hat man den Begriff 'Burnout' noch nicht gekannt und es wäre nach den heutigen Definitionen auch keines gewesen. Man muss das erst einmal erkennen, denn es schleicht sich so ein. Und dann braucht man jemanden, der einem sagt 'Du hast eine Depression', was mir Gott sei dank ein wunderbarer Hausarzt auf den Kopf zugesagt hat. Nach einem Jahr Gesprächstherapie und einem Medikament war's dann wieder weg.
Das große Problem ist ja oft, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht.
Ja, aber was heißt eingestehen? Das ist ja keine Schuld. Da könnte man genauso sagen 'Oh Gott, ich hab mir den Fuß gebrochen, hoffentlich merkt's keiner'. Das war bei mir weder übersteigertes Mitteilungsbedürfnis, noch Mediengeilheit. Man hat mich oft hinter hervor gehaltener Hand gefragt, ob ich drüber reden will. Ich hab dann einfach gesagt, wie es ist, warum denn auch nicht? Wenn ich erzähle, dass ich mir gestern den Blinddarm rausnehmen hab lassen, wird ja auch nicht getuschelt.
Es ist auch gut, die Gesellschaft diesbezüglich zu sensibilisieren. Über diese vermeintliche 'Schwäche' wird viel geschwiegen.
Ich habe nicht den Eindruck, dass ich schwächer geworden bin. Wenn ein Zweikampf auch mich zugekommen wäre, wär' ich brandgefährlich gewesen, denn ich hätte nichts zu verlieren gehabt.
Haben Sie ein Lieblingsplatzerl in Wien?
Mein Stammkaffeehaus, das Café Gutruf. Das kennt kein Mensch und man geht auch nicht rein, wenn man's von außen sieht. Die meisten denken wahrscheinlich, sie müssten um das Wechselgeld boxen. Drinnen sind dafür die lustigsten Leute.

