Mit 69 Jahren ist lang noch nicht Schluss

Raffaela Lindorfer

„Mit Marianne Nentwich steht ein Wesen, eine Fee, ein überirdisches Mädchen auf der Bühne“, schwärmte einst Otto Schenk über seine Schauspielkollegin. Die „First Lady der Josefstadt“ ist eine der letzten aus dem legendären Ensemble der 60er-Jahre und spielte seit 1964 mehr als 100 Premieren. Zuletzt war sie in „Heldenplatz“ zu sehen. Eine anspruchsvolle Rolle, die ihr erst das Alter erschlossen hat, wie sie im Gespräch mit inwien.at erzählte. Im Interview spricht die 69-jährige Theaterdiva über das Älterwerden, seine Nach- und überraschenden Vorteile.

inwien.at: Frau Nentwich, waren Sie schon einmal richtig verknallt?
Marianne Nentwich: Ich denke schon. Im Alter von 69 Jahren wird man das schon einmal erlebt haben. Ich bin momentan aber in keiner Beziehung. Komisch ist, dass wir Frauen im Stück auch in Wirklichkeit alle Single sind.

Können Sie sich vorstellen, sich in Ihrem Alter noch einmal frisch zu verlieben?
Ich kann mir schon vorstellen, dass es möglich ist. Es ist mir in den letzten Jahren allerdings nicht wiederfahren. Ich bin aber fast schon nicht mehr offen für so etwas. Mein Leben ist so wahnsinnig ausgefüllt, dass ich gar nicht weiß, wo ich die Zeit für eine Zweisamkeit hernehmen würde. Ich glaube aber, wenn die Liebe wie eine Naturgewalt über einen hereinbricht, sind Argumente wie diese völlig wurscht.

Glauben Sie, man liebt im Alter anders?
Ja, möglicherweise schon. Man hatte ja schon Beziehungen, ich zum Beispiel habe zwei Ehen hinter mir. Man ist einerseits toleranter, andererseits wird man seinen persönlichen Freiraum viel heftiger verteidigen, als man das als junger Mensch gemacht hat. Die Zeit ist ja begrenzt für Menschen in meinem Alter. Da würde man eine Beziehung, die nicht wirklich förderlich für das eigene Wohlbefinden ist, viel schneller beenden. Die Zeit ist zu kostbar.

Wäre ein Flirtkurs wie in „Blütenträume“ etwas für Sie?
Nein, das wäre nichts für mich. Ich kann sehr gut auf Menschen zugehen, das bringt auch der Beruf mit sich. Ich habe immer sehr gerne geflirtet, das ist das Salz in der Suppe im Alltag. Obwohl ich immer vorsichtiger geworden bin, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass Männer so etwas oft falsch verstehen und glauben, ein harmloser Flirt führt direkt ins Bett.

Was hat Sie an „Blütenträume“ gereizt?
„Blütenträume“ klingt ja sehr nach Lustspiel. Aber es hat sehr viele ernsthafte Elemente, die sich aus der Natur der Sache ergeben, dass es hier um Leute im fortgeschrittenen Alter geht, die einsam sind. Da brechen Lebensgeschichten auf. Die große Kunst eines Autors ist dabei, ernste Themen so zu verpacken, dass man darüber auch lachen kann. Es hat eine gewisse Komik, obwohl es sicher kein Schwank ist, wo man sich auf die Schenkel klopft.

Können Sie sich mit Ihrer Rolle identifizieren?
Ja, absolut. Frieda, meine Rolle, ist eine Frau, die sich anfangs sehr wenig einbringt. Es gibt aber einen Punkt, wo sie aus sich herausgeht, dann aber sehr offensiv. Sie ist eher eine Frau, die ihre Geheimnisse bei sich behält, weil sehr viel hinter ihr liegt. So wie ihr die Leute das nicht ansehen, ist es auch bei mir.

Ich habe gelesen, man nennt sie die „First Lady der Josefstadt“ – wie sorgfältig suchen Sie Ihre Rollen noch aus?
Ich habe nichts gegen diese Betitelung, aber mit den Rollen ist es schwieriger geworden. Ich bin im festen Ensemble und da kann man es sich nicht immer aussuchen. Man kann in meinem Alter nicht erwarten, nur Hauptrollen zu spielen. Die meisten Stücke sind eben für junge Leute geschrieben. Da muss man schon froh sein, wenn man ein- bis zweimal im Jahr eine schöne Rolle bekommt. Ohne unzufrieden zu sein, muss ich als Ensemblemitglied in Kauf nehmen, kleinere Sachen zu spielen, wenn ich gebraucht werde.

Gibt es für Sie noch eine Traumrolle?
Diese Frage konnte ich noch nie wirklich beantworten. Ich hätte als junge Frau gerne mehr Klassiker gespielt, wäre gerne einmal die Julia oder das Gretchen gewesen. Früher habe ich immer jüngere Rollen gespielt, jetzt spiele ich meinem Alter oft voraus. Das hat aber auch den Vorteil, dass ich jetzt Aufgaben annehme, die ich mir früher nicht zugetraut hätte. Für mich hat sich der Beruf mit dem Älterwerden erst so richtig erfüllt.

Also denken Sie mit 69 Jahren noch nicht an die Pension?
Nein, ich will noch arbeiten. Gerade jetzt im Alter gibt es noch viele Herausforderungen. So lange es mein Hirn noch schafft und so lange man mich will, mache ich weiter. 


michael.nichtler-strap@repromedia.at