
„Heute ist Sex überall, er ist Hochglanz-Lifestyle“
Eva Helfrich
Sie ist der Kopf des „Playing Mums“-Ensembles, seit fünfzehn Jahren erfolgreich als Regisseurin und Autorin tätig und empfindet Parallelen zu Charlotte Roche. Nehle Dick, 1978 in Wien geboren, ist ein kreatives Energiebündel. Im Jahr 2000 erhielt sie ein Stipendium an der Ueno University Tokio für Kabukitheater. Ab sofort widmet sie sich im Kosmos Theater höchst amüsant der weiblichen Sexualität, Orgasmen und Geschlechteridentitäten.
inwien.at: Ihre „revue intim“ dreht sich um Teile des 1975 in Wien abgehaltenen Orgasmusplenums. Wie interpretieren Sie die 36 Jahre alten Gespräche der 'Aktion unabhängiger Frauen'?
Nehle Dick: Ich bin auf diese Texte gestoßen und fand sie einfach toll. Wir collagieren das aber mit anderem Material. Und mittlerweile können wir behaupten, wir veranstalten das Orgasmusplenum 2011 (lacht). Man macht es sich zu gemütlich, wenn man nur in den Siebzigern bleibt.
Haben Sie mit den Teilnehmerinnen von damals Kontakt aufgenommen?
Es war leider relativ schwer, herauszufinden, wer damals dabei war. Ich hab die Texte im Archiv für Österreichische Frauenbewegung gefunden und da steht nur 'Teilnehmerin Eins', 'Teilnehmerin Zwei', weil sie anonym bleiben wollten. Ich hab mich aber in den einschlägigen Kreise umgehört und bin dann auf Zwei gestoßen, mit denen ich kurz geredet habe. Die finden das beide sehr lustig und werden auf jeden Fall kommen.
Unsere Zeit interpretiert den Begriff Feminismus eigentlich nicht so unähnlich wie es früher der Fall war. Erklärtes Ziel ist die sexuelle Befreiung, die Loslösung von festen Geschlechteridentitäten.
Schon, aber die Generation, die 1975 dabei war, steht heute eher auf dem Standpunkt, dass die sexuelle Befreiung stattgefunden hat und dass da nicht mehr so viel zu kommunizieren ist. Und ich glaube auch, dass da unterschiedliche Ideen von Frauenbildern existieren. Wir, die wir jetzt zwischen Dreißig und Vierzig sind, sind ja auch jetzt modern. Und das waren die damals auch. Nancy Friday war damals ganz wichtig, die hat sich viel mit den sexuellen Ideen der Frauen auseinandergesetzt.
Hätte eine Simone de Beauvoir heute noch was zu sagen?
Ich würde auf jeden Fall wissen wollen, was sie dazu sagt. Oft werden die Jüngeren als „Lipstick-Feministinnen“ abgetan. Wie etwa in der Diskussion Alice Schwarzer gegen Charlotte Roche. Ihnen wirde vorgeworfen, sich einem männlichen Bild zu fügen, kein Problem mit Pornografie zu haben. Für die Feministinnen der ersten Stunde geht da immer eine Opfer-Täter-Konstellation hervor. Für Simone de Beauvoir würde das stimmen, für sie zählte Penetration immer als Übergriff. Da ist man heute im Diskurs einfach anders. Heute ist Sex überall, er ist Hochglanz-Lifestyle. Dabei geht die Intimität sehr verloren, die ja eigentlich stattfindet. Das sind lauter Themen, die in unserem Stück vorkommen werden.
Kostet es die Schauspielerinnen Überwindung, so unverblümt über Sex zu sprechen?
Darüber haben wir von Anfang an gesprochen. Und wir haben uns darauf geeinigt: falls es mal jemandem unangenehm ist, dann bitte gespielt. Die Texte, die ich geschrieben habe, sind natürlich nicht eins zu eins die Privatmeinungen der Darstellerinnen. Sie haben zwar einen ganz privaten und intimen Ton, aber es sind Figuren, die da auf der Bühne stehen. Aber die Zungen werden immer lockerer, wir haben sehr viel Spaß dabei, diese Dinge zu besprechen. So viel Zeit widmet man dem Thema normalerweise nicht (lacht).
Aus welchen Motiven heraus haben Sie 2005 die Playing Mums gegründet?
Wir wurden tatsächlich alle Mütter. Da hat sich bei meinen schauspielernden Kolleginnen im Selbstbild sehr viel verändert. Man lebt anders, da das Theaterleben nicht unbedingt familientauglich ist. Der Plan war, uns die Bühne wiederzuholen; diese Form des Lebens und des Arbeitens, des Angeschaut-Werdens und des Bewertet-Werdens.
Sie sind noch sehr jung, haben aber in der Branche bereits sehr viel erreicht. Was treibt Sie an?
Ich bemühe mich, dran zu bleiben (lacht). Es ist keine sehr einfache Branche und nicht so, dass ich's nicht ab und zu verfluche. Aber ich kann mir nichts anderes vorstellen. Drum ist es dann schön zu hören, dass die Außenwirkung so ist. Denn intern denke ich mir, es sollte noch eine Inszenierung mehr im Jahr sein, dann wäre das Leben leichter.
Wie stehen Sie dazu, dass eine Charlotte Roche ihre Sexualität in aller Öffentlichkeit ausbreitet und über Anal Bleaching philosophiert?
Ich habe ihr neues Buch noch nicht gelesen, aber ich muss zugeben dass ich „Feuchtgebiete“ wahnsinnig unterhaltsam gefunden habe. Ich bin gleich alt wie sie, sie ist auch ein 78er-Jahrgang, und da habe ich gemerkt: es gibt was Kollektives. Sie kommt auch aus einer Familie, wo die Mutter schon Feministin war. Aber ich hab nicht das Bedürfnis, meine Sexualität so ins Feld zu führen, da fehlt mir der exhibitionistische Trieb. Ich fand auch die Diskussion spannend, die das Buch ausgelöst hat. Auch wenn es der feministischen Idee nur bedingt entspricht, hat es seine Berechtigung.

