
"Wir sind jetzt in dem Alter, etwas zu verändern"
Christine Oberdorfer
Seit mehr als zehn Jahren machen die Söhne Mannheims erfolgreich Musik. Im November kommen sie zum Konzert nach Wien. Mit im Gepäck die neue CD „Barrikaden von Eden“. Xavier Naidoo mit seiner Französischen Bulldogge „Armani“, H-Blockx-Frontmann Henning Wehland und Andreas Bayless plaudern mit inwien-Redakteurin Christine Oberdorfer über korrupte Politiker, Kindererziehung und alternative Karriereplanung.
Eure neue CD heißt „Barrikaden von Eden“. Was bringt euch auf die Barrikaden?
Henning: Willst du das wirklich wissen?
Xavier: Dafür haben wir die Zeit hier nicht! In Deutschland gibt es natürlich einiges, das einen aufregt. Allein dieses Kein-Rückgrat-Haben. Dieses sich über Jahre hinziehende Elend des Herumlavierens.
Für das Herumlavieren ist Wien auch bekannt ...
Xavier: Das mag sein. Aber Wien ist eine Stadt, die ich gern bereise. Und bei der ich nicht so sehr aufs Detail schaue. Logischerweise. Aber da, wo ich herkomme, muss ich mehr ins Detail blicken. Und da gefällt mir nicht, was ich sehe.
Was siehst du?
Xavier: Ich finde, wir sind jetzt in einem Alter, wo man sich nicht mehr nur darüber aufregt, was alles scheiße läuft und was man besser machen könnte. Man muss anfangen, es einfach besser zu machen. Und an dem Punkt sind wir jetzt gerade. Wir kapieren, dass diese Barrikade, auf der wir beruflich stehen – nämlich die Bühne, wie Henning so schön sagt –, dass da einiges mehr zu holen ist. Das werden wir jetzt mal ausreizen. Und da schrecken wir auch nicht davor zurück, Leute zu verklagen, die in der aktuellen Regierung sitzen. So weit gehen wir. Ich habe letztes Jahr schon mal eine Anzeige wegen Hochverrats eingebracht – unter anderem gegen Hörst Köhler, unseren damaligen Bundespräsidenten. Er ist dann auch ein paar Tage später zurückgetreten. Damals hab’ ich noch gedacht: Wow, krasser Zufall. Mittlerweile weiß ich, dass er deswegen zurückgetreten ist. Weil er halt Angst hatte, weil er eigentlich kein Politiker ist und sich so einer Sache nicht gewachsen fühlt. Meine Klage ist aber abgewiesen worden. Deswegen hat er jetzt erst mal nix zu befürchten. Aber wir sind natürlich schlau – wir gehen nach Straßburg. Und als Information: Für Hochverrat gibt’s nicht unter zehn Jahre.
Was stört dich an den Politikern?
Xavier: Diese Leute arbeiten nicht für das Volk. Angefangen bei Angela Merkel – aber egal, wer in dieser aktuellen Regierung sitzt. Man sieht das auch bei jemandem wie Herrn Westerwelle. Die arbeiten einfach nicht mehr für das Volk. Die arbeiten für eine gewisse Klientel. Das sind die Leute, denen sie sich verpflichtet fühlen. Die Frau Merkel hat eine Geburtstagsparty für den Herrn Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, gemacht. Der für Deutschland einfach wirklich nichts Gutes im Sinn hat. Der schlicht und einfach nur Deutschland melken will bis zum Gehtnichtmehr. Und solchen Leuten rollt unsere Regierung den roten Teppich aus. Ich persönlich hab’s satt, dieses Spiel mitzuspielen. Worum es hautsächlich geht, ist, aufzuhören zu kooperieren. Früher haben die Leute noch gesagt, man muss mal aufhören, Steuern zu zahlen. Ich glaube, es würde schon ausreichen, wenn man aufhört zu konsumieren. Dann bricht schon alles zusammen.
Henning: Ja, das hat ziemlich genau den Nagel auf den Kopf getroffen.
Andreas, was bringt dich auf die Barrikaden?
Andreas: Ich bin ja eher ein gechillter Typ, das heißt, ich versuche zu vermeiden, allzu oft auf die Barrikaden zu gehen. Ich mag’s lieber etwas leidenschaftsloser. Viele Leute regen sich auf – hauptsächlich über Dinge, die sie gar nichts angehen. Das bringt nichts. Also wenn man sich aufregt, sollte man sich sicher sein: Das ist erstens ein Thema, das mich betrifft und zweites ein Thema, wo ich auch ein gewisses Herzblut dafür hab’. Was mich wirklich interessiert. Und dann lohnt es sich, für alles, wo man so empfindet, auf die Barrikaden zu steigen und zu zeigen, so geht’s nicht. Hier stell ich mich in den Weg. Ich mach das nicht mit.
Kill all Psychopaths ist ein Titel auf eurer neuen CD. Fans in Foren diskutieren heiß darüber. War dieser Titel zu mutig?
Xavier: Im ersten Song gibt es eine Stelle, da wird davon gesunden, dass man der Krieger einer geistigen Schlacht ist. Und das ist genau ein Teil dieser geistigen Schlacht. In diesem Song muss jeder Psychopath sich in Acht nehmen, von uns gevierteilt, geköpft und hingerichtet zu werden ob seines Verhaltens gegenüber ganz normalen Menschen, die nix Böses im Schilde führen.
Wer ist für euch ein Psychopath?
Xavier: Psychopathen sind die Wölfe im Schafspelz. Weil diese Menschen überhaupt kein Gewissen haben. Also haben sie auch keine Skrupel, Leute zu massakrieren, zu schlachten. Aber die wenigsten Psychopathen sind ja Massenmörder. Ein Psychopath zeichnet sich dadurch aus, dass er dir vorspielt, dich zu lieben. Dir vorspielt, sich zu freuen. Dir all das vorspielt, einfach nur, um in dein Leben einzudringen. Macht über dich zu haben. Die sind wie die Raubtiere der Menschen. Das hab ich ganz toll in einem Aufsatz verdeutlicht bekommen. Die These ist, dass die Zivilisation hauptsächlich darauf aufbaut, dass Psychopathen sie federführend aufgebaut haben. Das fand ich sehr interessant, und das hab’ ich sicherheitshalber gleich mal in einen Song von den Söhnen verpackt. Falls das so ist, gibt’s was aufs Maul.
Wie erkennt man einen richtigen Idioten, ein richtiges Arschloch? Und wie würdet ihr euren Kindern beibringen, das zu erkennen?
Xavier: Das kann immer nur eine Position des Vorlebens und nicht des Vorsagens sein. Meine Mutter hat auch immer versucht, mir das vorzuleben. Das Kind muss irgendwann sinnvoll erkennen: Wow, mein Vater kommt gewaltlos durchs Leben. Er hat immer einen lockeren Spruch auf Lager. Da muss man sich um seine Kinder eben auch kümmern. Eltern vergessen leider oft ihre Familie. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Man braucht ein Dort, um ein Kind großzuziehen.“ Das trifft es gut. In jedem Dort gibt es eine Hexe, einen Miesepeter, verschiedenste Menschen. Da lernt ein Kind, wie breit das Spektrum ist. Wichtig ist, dass jemand echt ist. Mir ist ein ehrlicher Miesepeter lieber als jemand, der mir etwas vorspielt. Und da kann man sich auch sicher sein: Der meint, was er sagt und läuft nicht mit der Masse mit.
Henning: Arschlöcher sind ganz selten einzelne Menschen. Erst das Kollektiv macht Menschen zu Arschlöchern. Strukturen machen Menschen zu Arschlöchern, wir leben in einem Arschloch-System.
Was sind die Vor- und Nachteile, wenn 14 Sänger miteinander arbeiten?
Henning: Der Nachteil ist wohl, dass man das Honorar durch 14 teilen muss (lacht). Nein, wir machen etwas gemeinsam, wenn wir wirklich Lust haben und nicht, wenn die Plattenfirma eine CD einfordert. Wir machen das aus Leidenschaft. Wir gehen auseinander und treffen uns wieder.
Andreas: Kennst du „Salz auf unserer Haut“? Bei den Söhnen Mannheims ist es wie in dieser Beziehung. Wir gehen auseinander, kommen wieder zusammen, jeder liebt das, was er tut.
Würdet ihr auch gern mal etwas anderes machen?
Xavier: Wenn ich nicht singen könnte, würde ich Rap machen. Und dann wäre ich Autoverkäufer.
Ernsthaft?
Xavier: Ja klar, ich liebe Autos. In ganz Mitteleuropa kennt sich niemand so gut mit Autos aus wie ich. Ich berate auch alle meine Freunde, wenn sie sich ein neues Auto kaufen wollen.
Was fährst du selbst?
Xavier: Sag mir ein Auto und ich sag dir, ob ich es fahre.
Einen alten Alfa Spider?
Xavier: Ja, das war eines meiner ersten Autos. Das hab ich aber mittlerweile verkauft.
Henning, was wolltest du gern mal ausprobieren?
Henning: Ich würde mich an einer Strandbar versuchen, auf Formentera.
Andreas, du?
Andreas: Ich hab’ schon so viel gemacht, ich hab’ nicht immer gesungen. Ich würde mich auch wieder zurechtfinden, wenn ich auf dem Niveau der Söhne Mannheims nicht mehr weitermachen könnte. Ich hab’ schon viel hinter mir. Eine Zeitlang habe ich sogar für das amerikanische Verteidigungsministerium im Rechnungswesen gearbeitet.
Xavier: (lacht) Da hättest du ihn sehen müssen – mit Waschbrettbauch und kurz geschorenen Haaren!
Im November seid ihr für ein Konzert in Wien. Merkt man dem Publikum hier an, dass die Stadt eine große musikalische Tradition hat?
Xavier: Auf jeden Fall! Das merkt man am rhythmischeren Klatschen, am melodischeren Mitsingen. Bei euch greift die musikalische Früherziehung!
Andreas: Außerdem macht das Auftreten hier viel Spaß. Hier sind wir ein internationaler Act. In Deutschland sind wir oft bloß so eine Lokalband.
Wir hier in Österreich haben ja auch nicht so viele eigene Musikgrößen.
Andreas: Und die, die ihr habt, werden eingedeutscht. Wie die Christina Stürmer.
Xavier: Das geht aber auch umgekehrt. Der Konstantin Wecker gehört euch Österreichern. Dabei is’ der aus München. Aber den könnt ihr haben. (lacht)
Ihr habt einen Wunsch frei: Welcher wäre das?
Henning: Das ist einfach: Ich wünsche mir, dass ich mir immer etwas wünschen kann, das in Erfüllung geht.
Andreas: Ich wünsche mir so eine Art Heiligen Gral. Wie das Glas hier, wo immer Wein drinnen ist. Oder andere praktische Dinge, je nach Bedarf.
Xavier: Ich wünschte mir meine Anonymität zurück. Mal wieder rausgehen, ohne erkannt zu werden. Es muss ja gar nicht sein, dass man immer erkannt wird. Aber man rechnet ständig damit. Man muss immer darauf achten, was man tut.
Warum gibt es keine Töchter Mannheims?
Andreas: Komisch, dass ist in Wien eine verbreitete Frage. Das hat sich einfach nicht ergeben.
Xavier: Wir haben einen DJ, der immer wieder Frauenstimmen in die Songs mixt. Vielleicht hat es sich einfach noch nicht ergeben. Dazupassen würde es ja sehr oft.

