
"Das Leben ist kein Test. Es gibt nicht Richtig oder Falsch"
Sigrid Tschiedl hat Ahnung. Seit fünf Jahren leitet sie Persönlichkeitstrainings am WIFI. Sie lehrt Kursteilnehmern die „Charme-Offensive“, den perfekten „Ersten Eindruck“ und die Grundlagen der Rhetorik. 2009 war sie der „Konkret“ Jobcoach und half Arbeitssuchenden auf dem Weg zu ihrem Wunschjob. Woher sie das alles hat? Die zielstrebige 32-Jährige hat Betriebswirtschaft studiert, bevor sie ihren Magister in Musiktheaterregie machte. Sie übernahm die Abendspielleitung der „Fledermaus“ in Japan, hat zwei Bücher geschrieben und ein Kind bekommen. Diese Frau bringt so schnell nichts aus der Ruhe.
Inwien.at: Frau Tschiedl, wie verhalten Sie sich denn in Bewerbungsgesprächen?
Es kommt immer auf die Branche an. Aber ich habe manche Jobs deswegen bekommen, weil ich bewusst den Leuten nicht nach dem Mund geredet habe. Ich habe mich mit 21 bei einem großen Theater blind beworben und wurde zu einem Gespräch mit dem Intendanten geladen. Der hat dann zu mir gesagt, er habe eigentlich keine Stelle frei, ob ich nicht auch im Marketing anfangen würde, um überhaupt einmal einen Fuß in der Tür zu haben. Ich hab dankend abgelehnt mit den Worten 'Da haben Sie nichts von mir und ich nichts von Ihnen – ich bin unglücklich und Sie haben nicht die Fähigkeiten, die Sie brauchen'. Zwei Tage später hat er angerufen mit mir die Assistenz der Geschäftsführung angeboten. Das habe ich zugesagt und ich Nachhinein erfahren, dass sich über 200 Personen für diese Stelle beworben haben. Ihm hat es gefallen, dass ich ihm nicht gesagt habe, was ich glaube, dass er hören will.
„Erzählen Sie uns etwas über sich“ - eine Aufforderung, die wohl jeden Kandidaten zum Schwitzen bringt. Wie bringt man diese Aufgabe elegant über die Bühne?
Der Personaler will eigentlich nur herausfinden, was der Bewerber für einer ist. Da geht’s meist weniger um den Inhalt als darum, wie sich jemand präsentiert. Manche Menschen kommen da vom Hundertsten ins Tausendste und erzählen, was sie zu Mittag gegessen haben. Da hat der Personalist schnell einen Eindruck davon, ob sich jemand aufs Wesentliche konzentrieren kann, oder eher ausschweift und gern in der Kaffeeküche sitzt und tratscht. Man sollte in dem Kurzabriss des Lebenslaufs seine Stärken hervorheben, nur nicht zu langatmig. Ein Tipp von mir: wenn ich mir bei einer Sache unsicher bin, stelle ich eine Gegenfrage. Etwa: 'Was möchten Sie denn gerne genau wissen?' Denn woher soll man wissen, was jemand hören will, wenn man nicht fragt? Wir sind es gewohnt, auf jede Frage sofort eine Antwort haben zu müssen. Aber das Leben ist kein Test, es gibt kein Richtig oder Falsch. Man soll die eigenen Stärken ins Schaufenster stellen.
Und wie geht man stilvoll auf die Frage nach seinen Schwächen ein?
Personaler reagieren mittlerweile sehr allergisch auf das, was früher gelehrt wurde: eine Schwäche als Stärke verkaufen. Zum Beispiel 'Ich bin so überordentlich'. Dann kichere ich noch ein bisschen, weil ich weiß, dass das in Wahrheit eh gut ist. Alles, was auswendig gelernt wirkt, kommt nicht gut. Wenn ich Controller werden will und sage, dass ich bei den Zahlen ungenau bin, dann ist das schlecht. Was man machen kann, ist, Schwächen zuzugeben, die nicht unbedingt relevant sind für den Job. Denn jeder Mensch hat Schwächen. Und die, die keine haben, wirken erstens unsympathisch auf den Anderen und zweitens unglaubwürdig. Aber man muss immer klar machen, dass man für den Job, um den es im Hier und Jetzt geht, seine Eigenschaften und Fähigkeiten optimal einsetzen will und kann.
Noch ein Klassiker: Haben Sie sich auch in anderen Unternehmen beworben? Wie vermeidet man, illoyal oder verzweifelt zu wirken?
Es sollte schon vorweg klar gemacht werden, dass das Unternehmen, bei dem ich gerade bin, an erster Stelle steht. Wenn ich aber ein Branchenneuling bin, brauche ich nicht zu sagen, dass ich mich nur bei einer Firma bewerbe. Ich würde eher darauf eingehen, warum ich mich bei dieser Firma beworben habe. Auf sowas darf man auch mal mit einem Augenzwinkern antworten: 'Wenn ich jetzt ja sage, ist das dann schlecht für mich?' Wenn das charmant rüberkommt, hat man die Leute sofort im Boot. Man will ja nicht lügen. Am besten sagt man, man hat sich bei den Unternehmen beworben, von denen man denkt, seine Stärken dort gut einbringen zu können. Wenn ich mich nur bei großen Firmen beworben habe, kann das heißen, ich bin ein kleines Licht, will aber große Namen im Lebenslauf haben. Habe ich mich bei kleinen, unbedeutenden beworben, kann das heißen, ich möchte möglichst selbständig arbeiten und alles von der Pike auf lernen.
Sie ist unangenehm, aber notwendig: die Feilscherei um's Gehalt. Wie geht man das am besten an?
Mein Tipp: Kollektivertrag anschauen und sich eine persönliche Untergrenze festlegen. Oft kommt die Frage 'Was wollen Sie denn verdienen?' Meine Routinegegenfrage: 'Was wollen Sie denn zahlen?' Dann kann ich mich in Stellung bringen für das, was ich mir vorstelle. Wichtig ist, dass man seine Lebensumstände richtig einschätzen kann und weiß, was man braucht. Auf das, was ich mir gut vorstellen kann, lege ich noch 200, 300 Euro drauf. Wenn Sie unzufrieden rausgehen, werden Sie auch nicht lange in der Firma bleiben.

