
Die Idee des Gesamtkunstwerks
Eva Helfrich
Richard Wagner hoffte zeitlebens, eines zu erschaffen. Madonna könnte mittlerweile als eines durchgehen. Genauso wie der Mann, der sich zur Raubkatze umoperieren ließ. Denn - wie der deutsche Philosoph Odo Marquard so schön sagte - Gesamtkunstwerke haben die „Tendenz zur Tilgung der Grenze zwischen ästhetischem Gebilde und Realität“.
Utopie oder schon Dilettantismus?
Die Ausstellung „Utopie Gesamtkunstwerk“ im 21er Haus nähert sich einem Phänomen, das seit über 100 Jahren heiß umstritten ist. Richard Wagner entwickelte eins für die Oper die Idee des „Gesamtkunstwerks“. Erklärtes Ziel: eine Verbindung von Architektur, Malerei, Musik, Schauspiel, Tanz und Dichtung zu schaffen. Inwiefern ein Thema wie das Gesamtkunstwerk heute überhaupt noch zeitgemäß ist, darüber darf bis 20. Mai in der Ausstellung kräftig spekuliert werden. Wie der geneigte Kunstfreund weiß, wurde Wagners Intention, auf der Bühne ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, von Friedrich Nietzsche als Dilettantismus abgetan.
Kosmische Dummheit
Mit insgesamt 110 Arbeiten von rund 50 Künstlern, darunter Marcel Broodthaers, Hermann Nitsch, Jonathan Meese, Christoph Schlingensief oder Heimo Zobernig, hinterfragen die Kuratoren Bettina Steinbrügge und Harald Krejci die utopische Idee des Gesamtkunstwerks. Die Rolle des Publikums, oft einseitig und passiv, erfährt ebenfalls eine mehrfache Durchbrechung: Julia Hohenwarters Objekt „Catwalk“ etwa lässt die Akteure Spuren auf beweglichen Säulen und Kuben hinterlassen. So gestalten die Besucher den Weg über den „Catwalk“ selbst mit. Zuletzt sorgte der inzwischen verstorbene Komponist Karlheinz Stockhausen (der mit seinem Werk selbst ein Gesamtkunstwerk angestrebt hatte) mit seiner Äußerung zu den Terroranschlägen 9/11 für allgemeines Entsetzen. Zitat: „Das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos.“ Musikalität schützt scheinbar vor Dummheit nicht.
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